Wenn steigende Löhne nicht für alle dasselbe bedeuten
Ein Reallohnindex soll zeigen, wie sich die Kaufkraft von Arbeitseinkommen entwickelt. Er setzt die Lohnentwicklung in Beziehung zur Preisentwicklung. Steigen die Löhne stärker als die Verbraucherpreise, nimmt der reale Lohn zu. Steigen die Preise schneller, kann sich die Kaufkraft trotz höherer Bruttolöhne verringern.
Für Leserinnen und Leser in Deutschland, Österreich und der Schweiz ist dabei eine Unterscheidung besonders wichtig: Ein Reallohnindex beschreibt eine durchschnittliche Entwicklung. Er sagt nicht automatisch, dass jede beschäftigte Person im gleichen Umfang profitiert. Die tatsächliche Veränderung hängt unter anderem von Branche, Beruf, Arbeitszeit, Tarifbindung, Teilzeitanteil und individueller Lohnstruktur ab.
Der Index ist deshalb ein Ausgangspunkt für die Analyse, aber kein vollständiges Bild der Lebenssituation.
Nominal, real und tatsächlich ausgezahlt
Bei der Lohnberichterstattung werden häufig drei Ebenen miteinander vermischt. Der nominale Lohn beschreibt den Geldbetrag, der gezahlt wird. Der reale Lohn berücksichtigt zusätzlich die Preisentwicklung. Das tatsächlich verfügbare Einkommen hängt darüber hinaus von Abgaben, Sozialbeiträgen, Arbeitszeit und weiteren Einkommensbestandteilen ab.
Diese Größen beantworten unterschiedliche Fragen:
| Kennzahl | Was sie sichtbar macht | Was sie nicht allein erklärt |
| Nominaler Lohn | Veränderung des Geldbetrags | Entwicklung der Kaufkraft |
| Reallohnindex | Veränderung der Kaufkraft im Durchschnitt | Unterschiede zwischen Beschäftigten |
| Tatsächliches Einkommen | Verfügbares Einkommen eines Haushalts oder einer Person | Ursache einzelner Veränderungen |
Ein Aufschwung beim Reallohnindex kann daher gleichzeitig mit sehr unterschiedlichen Erfahrungen einhergehen. Wer in einem Bereich mit kräftigen Lohnabschlüssen arbeitet, kann stärker profitieren als jemand mit unverändertem Einkommen. Auch eine unterschiedlich hohe Belastung durch Wohnkosten, Energie, Mobilität oder Lebensmittel wird durch einen allgemeinen Preisindex nur teilweise erfasst.
Durchschnittswerte verdecken Verteilung
Ein Index wird aus vielen Beobachtungen zusammengefasst. Dadurch entsteht eine übersichtliche Zeitreihe, aber auch ein Verlust an Detail. Besonders hohe Lohnsteigerungen in bestimmten Gruppen können den Durchschnitt anheben, während andere Gruppen kaum Verbesserungen verzeichnen.
Für die Frage, wer vom Aufschwung profitiert, müssen deshalb zusätzliche Merkmale betrachtet werden. Dazu gehören etwa die Entwicklung einzelner Wirtschaftszweige, die Löhne nach Berufen sowie Unterschiede zwischen Vollzeit und Teilzeit. Auch die Zusammensetzung der Beschäftigung kann sich verändern. Wenn sich der Anteil bestimmter Tätigkeiten oder Arbeitszeitmodelle verschiebt, kann dies den Durchschnitt beeinflussen, ohne dass sich die Löhne aller Beschäftigten im gleichen Maß verändert haben.
Die OECD-Daten zu den Gehältern von Lehrkräften zeigen, warum berufsspezifische Statistiken eine wichtige Ergänzung sind. Sie ermöglichen, die tatsächlichen Gehälter einer bestimmten Berufsgruppe gesondert zu betrachten und von allgemeinen Lohntrends zu unterscheiden. Der Vergleich mit einem gesamtwirtschaftlichen Reallohnindex sollte jedoch vorsichtig erfolgen, weil die Datensätze unterschiedliche Personengruppen und Messkonzepte verwenden können.
Ein Index ist keine Rangliste der Gewinner
Der Ausdruck „Aufschwung“ legt nahe, dass es eindeutige Gewinner und Verlierer gibt. Ein Reallohnindex kann diese Verteilung allein jedoch nicht bestimmen. Er zeigt eine Richtung für die durchschnittliche Kaufkraft, nicht die vollständige soziale Verteilung des Lohnzuwachses.
Wer verschiedene Länder im deutschen Sprachraum vergleichen möchte, sollte daher auf mehrere Fragen achten:
- Welche Lohnbestandteile werden erfasst?
- Werden Vollzeit- und Teilzeitbeschäftigte gemeinsam ausgewiesen?
- Bezieht sich die Statistik auf tatsächliche Gehälter oder auf tarifliche beziehungsweise vertragliche Lohnsätze?
- Welcher Preisindex wird zur Berechnung der realen Entwicklung verwendet?
- Welche Berufsgruppen und Wirtschaftszweige sind enthalten?
- Werden Veränderungen der Arbeitszeit berücksichtigt?
Erst durch diese Fragen wird sichtbar, ob ein Anstieg vor allem eine allgemeine Verbesserung darstellt oder ob sich die Entwicklung auf bestimmte Beschäftigtengruppen konzentriert.
Streiks als Kontext, nicht als Lohnindex
Die ILO-Tabelle zu den durch Streiks und Aussperrungen ausgefallenen Arbeitstagen misst eine andere Dimension der Arbeitswelt. Sie erfasst den Umfang von Arbeitsausfällen im Zusammenhang mit Arbeitskonflikten, nicht die Entwicklung der Reallöhne.
Trotzdem kann diese Statistik für die Einordnung von Lohnentwicklungen hilfreich sein. Arbeitskämpfe können auf Verteilungskonflikte, unterschiedliche Erwartungen an die Kaufkraft oder Spannungen zwischen Beschäftigten und Arbeitgebern hinweisen. Aus der Zahl der ausgefallenen Arbeitstage lässt sich jedoch weder direkt auf die Höhe von Lohnsteigerungen noch auf die tatsächliche Kaufkraftentwicklung schließen.
Die beiden Statistiken sollten daher nicht zu einem einzigen Indikator vermischt werden. Der Reallohnindex beschreibt die durchschnittliche Kaufkraftentwicklung. Die ILO-Daten zeigen, wie sichtbar und konfliktträchtig Auseinandersetzungen in der Arbeitswelt sind.
Was Leser beim Vergleich beachten sollten
Für Deutschland, Österreich und die Schweiz gelten unterschiedliche institutionelle Rahmenbedingungen. Löhne werden in verschiedenen Branchen und durch unterschiedliche Formen von Tarifverhandlungen, Kollektivverträgen oder individuellen Vereinbarungen bestimmt. Auch Preisstrukturen und Arbeitszeitmodelle unterscheiden sich.
Ein sinnvoller Vergleich beginnt deshalb nicht mit der Frage, welches Land den stärksten Anstieg aufweist. Wichtiger ist, welche Gruppen in der jeweiligen Statistik enthalten sind und ob die Kennzahl dieselbe Frage beantwortet. Ein gesamtwirtschaftlicher Reallohnindex eignet sich zur Beobachtung eines allgemeinen Trends. Berufsdaten, etwa zu Lehrkräften, helfen bei der Betrachtung einzelner Beschäftigtengruppen. Daten zu Streiks liefern wiederum Hinweise auf Konflikte und Arbeitsbeziehungen.
Der wichtigste Befund lautet damit: Ein steigender Reallohnindex ist ein Signal für eine bessere durchschnittliche Kaufkraftentwicklung. Er ist aber kein Beweis dafür, dass der Aufschwung gleichmäßig bei allen Beschäftigten ankommt. Wer wissen will, wer tatsächlich profitiert, muss den Index mit beruflichen, sektoralen und arbeitszeitbezogenen Daten lesen.
出典
- International Labour Organization, Daten zu durch Streiks und Aussperrungen ausgefallenen Arbeitstagen: https://ilostat.ilo.org/data/
- OECD, Data Explorer, Datensätze zu den tatsächlichen Gehältern von Lehrkräften: https://data-explorer.oecd.org/